Geraffel restaurieren – kleine Anleitung für die Gerätereparatur

Allgemein Jul 07, 2014 No Comments

Heut will ich mal etwas zum Thema Geraffel restaurieren schreiben. Ich habe den Begriff aus dem Old-Fidelity-Forum übernommen. Ich finde ihn passend und auf gewisse Weise liebevoll als Bezeichnung für alte HiFi-Schätze. Bezeichnet der Begriff eigentlich etwas, wie Gerümpel oder Kram so passt die Analogie, denn oftmals behält man altes Gerümpel oft nur zu lange, weil man ihm einen sentimentalen Wert beimisst. Ähnlich verhält es sich auch mit alten HiFi-Geräten.

Nun zurück zum Thema. In der Vergangenheit habe ich meine Geräte immer neu gekauft und nie schlechte Erfahrungen damit gemacht. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen mehr und mehr alte Geräte die mir technisch oder emotional interessant erscheinen, gebraucht zu kaufen. Nicht selten haben die Geräte 30 oder mehr Jahre auf den Bauteilen und nicht immer sind sie in funktionsfähigem Zustand. Eines Vorweg: will man sich der Instandsetzung alter Geräte widmen, so sollte gewisses Grundwissen und technisches Verständnis vorhanden sein. Ich bin niemand der sagt, man müsse eine technische Ausbildung oder gar ein Studium gemacht haben. Nicht selten gehen Hobbyisten nicht weniger akribisch und fachlich fundiert an die Sache, wie Fachleute. Dazu gehört allerdings lange Erfahrung und viel Trial and Error.

Auch ich habe keine Ausbildung, die direkt in einem Bezug zu Unterhaltungselektronik steht. Ich hatte das Glück einen sehr geduldigen und motivierten Vater zu haben, der Seines Zeichens gelernter Radio- und Fernsehtechniker ist. Als Kind habe ich stets daneben gesessen und zugeschaut, wenn er in der privaten, gut ausgestatteten Bastelecke Geräte reparierte oder selbst baute. Irgendwann fing ich an zu fragen und lernte so erste Grundlagen und Funktionsweisen kennen. Später verschlang ich theoretische Bücher und erwarb haufenweise DIY-Zeitschriften. In dieser Zeit machte ich erste eigene Bastelerfahrungen mit dem Bau eines eigenen D/A-Wandlers und einiger Lautsprecher. Etwas professioneller wurde mein Wissen dann mit einem Studium der Elektrotechnik, dass ich aber nie abschloss. Das ist aber ein anderes Thema.

Über Eines sollten sich Interessierte im Klaren sein: Ganz ohne Vorwissen und nur aus Interesse wird man kein altes Gerät zum Leben erwecken. Oft werden die Probleme nur größer oder die Geräte in einen irreparablen Zustand versetzt. Dies schreibe ich aus einer Reihe negativer Erfahrungen, die ich über Gerätekäufe über einen allseits bekannten Handelsplatz gemacht habe. Auch sollten Unkundige sich darüber im Klaren sein, dass in den Geräten oft lebensgefährliche Spannungen herrschen und man niemals an einem laufenden Gerät herumbasteln sollte, wenn man nicht weiß, was man macht. Wenn es nur mal darum geht ein paar Lampen in einem Receiver zu tauschen oder eine Sicherung zu wechseln, so lege ich allen den Rat meines Vaters ans Herz: Immer eine Hand in der Hosentasche! (und vorher Stecker raus!)

Was braucht man denn so für einfache Reparaturen:

  • Schraubendreher unterschiedlicher Art und Größe
  • verschiedene Zangen zum Trennen von Kabeln und Abknipsen von Bauteilbeinchen usw.
  • ein digitales Multimeter (muss kein HighEnd-Modell sein)
  • ein Paar Messkabel und Abgreifklemmen
  • einen am besten regelbaren Lötkolben oder wenigstens eine Lötstation
  • Lötzinn
  • eine Entlötpumpe oder wahlweise auch Entlötlitze
  • einen Pinsel
  • Kontakt-WL oder Isopropanol zum Reinigen
  • Kontakt61 für Potis
  • Balistol und Nähmaschinenöl für Mechaniken (auch etwas Fett kann nicht schaden)
  • eine Digitalkamera oder Handykamera

Mit Hilfe dieser Werkzeuge kann man schon eine ganze Menge bewerkstelligen. Selten brauche ich mehr für die einfache Instandsetzung eines noch funktionsfähigen Verstärkers oder Receivers.

Wenn es etwas professioneller sein soll oder die Probleme größer sind, kann folgendes nicht schaden:

  • ein analoges, zweikanaliges Oszilloskop (min. 20MHz)
  • ein Signalgenerator (dies kann bei einer vernünftigen, klirrarmen Soundkarte auch per Software über den PC geschehen)
  • ein analoges Multimeter
  • eine Entmagnetisierungsdrossel für Tapes und eine für Tonbandmaschinen
  • Ein Messsender zum Tunerabgleich

Dies sollte dann auch schon für fast alle Anwendungen reichen, mit denen der Hobbybastler zu tun haben dürfte. Die meisten Messgeräte kann man gern für günstiges Geld gebraucht kaufen. Bei der grundsätzlichen Werkzeugausstattung sollte nicht gespart werden, denn gerade billige Schraubendreher vernudeln Schrauben unnötig und Zangen, die beim dritten Abknipsen eines starren Kabels einen Zangenarm verlieren braucht auch niemand.

Nun zum eigentlich Reparieren, Basteln, Instandsetzen. Zuerst sollte man sich nach Möglichkeit im Internet oder über einen Schaltungsdienst das Servicemanual zum jeweiligen Gerät besorgen. Diese sind dazu gemacht dem Techniker bei Defekten und Abgleichvorgängen eine Hilfestellung zu bieten. Dazu gehören auch Schaltpläne und Explosionszeichnungen von Mechaniken. Wenn ich ein Gerät vor mir habe, dass ich nicht kenne, so arbeite ich mich erst mal etwas in den Schaltplan und den Aufbau ein. Ich lese viel in Foren und versuche die grundsätzliche Funktionsweise zu verstehen. Gerade bei Geräten mit viel Mechanik, wie Tonbandgeräten oder Tapedecks kann es nicht schaden, sich in Ruhe mit der Funktionsweise der Mechanik zu befassen, bevor es an das Zerlegen, Reinigen oder Reparieren geht. Zudem mache ich mir vor dem Lösen von Kabelsträngen oder dem Zerlegen von Mechaniken Fotos der jeweiligen Bereiche, um eine Hilfe zu haben, wenn es beim Zusammenbau zu Problemen kommt. Für Schrauben und Kleinteile, die während des Vorganges demontiert werden, empfehle ich kleine Schalen bereitzuhalten. So gehen keine Teile verloren.

Zuerst reinige ich die Geräte gründlich von Innen und Außen. Frontplatten und Gehäusedeckel nehme ich in der Regel ab und reinige sie gesondert. Dazu verwende ich lauwarme Seifenlauge und einen Mikrofaserschwamm (manchmal werden die auch Schmutzradierer genannt). Damit reinige ich die Frontplatte von allen Seiten gründlich und trockne sie mit einem Geschirrtuch wieder ab, um Trocknungsflecken zu vermeiden. Ich lese immer wieder von Fällen, dass Leute stark verschmutzte Geräte in einem Wasserbad waschen und dann im Ofen oder an der Luft trocknen. Da halte ich mich ganz an meinen Vater und das gelernte: Wasser und Strom mögen sich nicht! Es mag sein, dass eine Reinigung gut geht und keine Folgeschäden auftreten. Ich nehme jedoch Abstand von dieser Prozedur und nehme zum Reinigen des Geräteinneren 99,9% Isopropanol oder bei kleinen Flächen Kontakt-WL (beide verdunsten schon bei Zimmertemperatur und binden Verschmutzungen). Ich sprühe Platinen und Gehäuseteile ein und lasse die Flüssigkeit kurz einwirken. Danach putze ich das Gerät mit einem Pinsel und Wattestäbchen vorsichtig aus. Gehäuseflächen wische ich mit Küchentüchern sauber und trocken. Wichtig ist vor dieser Reinigung den groben Staub mit einem Pinsel zu lockern und mit einem Staubsauger vorsichtig abzusaugen (vorher auf lose Teile achten). Den Staubsauger dabei auf kleinster Stufe betreiben. Ich hatte noch kein Gerät, dass ich so nicht sauber bekommen hätte.

Ist das Gerät sauber, so beschäftige ich mich mit der Fehlersuche und Instandsetzung. Ich werde jetzt keine detaillierte Anleitung für eine Gerätegattung schreiben, sondern allgemein mein Vorgehen beschreiben. Geht es um eine Instandsetzung und das Gerät funktioniert ansonsten ohne Probleme, so reinige ich alle Schalter und Potis sehr gründlich, um Kontaktprobleme zu beseitigen. Dazu gehört auch das öffnen von Schaltergehäusen und das gewissenhafte Putzen aller Kontakte. Bei Potis reicht es nicht immer in eine Öffnung etwas Kontaktspray zu sprühen und mehrfach zu drehen. Schlimmstenfalls verwendet man ein zu scharfes Mittel und spült so die Schleiferbahnen eines Potis aus. Danach geht es meist nicht mehr. Besser ist das Öffnen und Reinigen mit getränkten Wattestäbchen. Ich wasche zumeist erst mit KontaktWL und behandle danach mit Kontakt61. Letzteres hat den Vorteil keine Rückstände zu hinterlassen und langfristig zu oxidieren, wie Kontakt60, das man nach der Anwendung unbedingt mit KontaktWL nachspülen muss. Einige verwenden für Potis auch Balistol. Dazu kann ich allerdings nichts sagen. Bei Schaltern verfahre ich genauso. Oft findet man als Tip zur Instandsetzung eines alten Receivers oder Verstärkers erstmal alle Elkos zu tauschen. Das halte ich für Blödsinn. Das Nachmessen hat gezeigt, dass die betreffenden Kondensatoren oft noch innerhalb ihrer Toleranzen waren. Ich tausche meist nur die Elkos im Netzteil und ersetze die Koppelkondensatoren durch Folienkondensatoren. Das war es dann auch schon. Ich bin auch kein Freund davon funktionsfähige Transistoren gegen vermeintlich rauschärmere zu ersetzen oder alte Widerstände durch engtollerierte Metallfilm-Rs zu ersetzen. Oft möchte man beim Einsatz eines bestimmten Gerätes einen bestimmten Klang erreichen. Dieser könnte aber gerade durch das höhere Rauschen von Kohleschichtwiderständen oder die Verwendung gewisser Kondensatoren mit geprägt sein. Ich für mich ersetze, wo es nötig ist und Sinn macht. Ansonsten vertraue ich auf die Ingenieurskunst der Entwickler des Gerätes.

Bei Defekten die über eine Instandsetzung hinausgehen nutze ich den Schaltplan, das Servicemanual und das Internet, um den Fehler zu finden und die beschädigten Bauteile zu tauschen. Dabei sollte der Fehler zunächst so weit, wie möglich eingegrenzt werden, um nicht unnötig viel zu tauschen. Noch ist es gut möglich alte Verstärker, Radios und dergleichen zu reparieren. Ersatzteile sind weitestgehend beschaffbar (manchmal auch über Bestellungen im Ausland) oder es gibt brauchbare Ersatztypen für Transistoren, Röhren und dergleichen. Ich habe mir aber angewöhnt immer etwas mehr Ersatzteile, als eigentlich nötig zu ordern, denn es ist absehbar, dass bestimmte Bauteile immer schwerer zu bekommen sind und so die Preise deutlich steigen. Ein Beispiel sind Transistoren im TO-3 Gehäuse.

Sind nun alle Gehäuse- und Schaltungsteile gereinigt und falls nötig repariert, so gleiche ich das Gerät mit Hilfe der Serviceunterlagen neu ab. Damit ist gewährleistet, dass das Gerät wieder im Rahmen seiner Spezifikationen funktioniert. Ich rate diesen Abgleich in bestimmten Abständen zu wiederholen und die Werte zu prüfen. Ich mache das etwas nach einer halben Stunde und einer Stunde noch einmal, da die Geräte dann Betriebstemperatur erreicht haben und sich die Werte nicht mehr wesentlich ändern sollten.

Zum Schluss noch mal eine grundsätzliche Überlegung zur Anschaffung alter Schätze. Ich habe mir eine für mich vertretbare Grenze für jedes von mir ersehnte Gerät gesetzt, die ich preislich nicht bereit bin zu überschreiten. Ich mag zum Bespiel alte Marantz-Geräte aus den 60ern und 70ern. Sie haben 40 und mehr Jahre auf dem Buckel und selbst wenn sie funktionieren, so steigt die Wahrscheinlichkeit von Defekten mit dem Alter. Als Beispiel nehme ich hier mal meinen Marantz 2230. Er läuft jeden Tag mehrere Stunden und füllt meinen Raum mit einem Klang, der mir gefällt. Den geb ich definitiv nicht wieder her, erfüllt er doch all meine Ansprüche. Das heißt nicht, dass vielleicht noch ein Röhrenverstärker dazu kommen kann (ich träume von einem H.H. Scott LK-72) oder ich mir eine schöne Marantzendstufe vom Typ 250m dazu kaufe. Aber zurück zum Thema: einen Marantz 2230 bekommt man in unterschiedlichen Zuständen und abhängig von Jahreszeit und Wochentag zu Preisen von 100-400€. Es gibt auch einige Wahnsinnige, die diesen Receiver für 800 oder gar 1000€ anbieten. Eventuell ist der individuelle Wert für sie durchaus so groß, doch habe ich meist eher die Vermutung, dass da jemand etwas Geld mit der Beliebtheit bestimmter Geräte verdienen möchte. Ich habe mir bei diesem speziellen Gerät eine Grenze von 150€ gesetzt. Dann veranschlage ich für eine Instandsetzung und Reparatur noch einmal 100-150€. Das ist meine Grenze für einen 2230. Mehr ist er für mich nicht wert. Rein ideell betrachtet liegt der Wert natürlich weit höher. Bezieht man die Überlegung mit ein, dass mein Marantz Baujahr 1976 ist und als ich ihn bekam schon viel mitgemacht hat, so war sein Kaufwert definitiv nicht höher. Da soll aber jeder selbst entscheiden, was er bereit ist, zu bezahlen.

Ich hoffe diese kleine Anleitung kann Einigen als Hilfe dienen und Tips zum Umgang mit dem geliebten Geraffel geben. Einen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebe ich sicher nicht, doch habe ich mit dieser Methode stets gute Ergebnisse erzielt. Haftungen für Probleme mit dieser Anleitung kann und werde ich nicht übernehmen.

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