Der erste Neuzugang des Winters – ein NAD Model 90

Allgemein Jan 28, 2015 No Comments

Anfang des Jahres habe ich auf einer allseits bekannten Online-Handelsplattform ein NAD Model 90 erworben. Es handelt sich dabei um einen englischen Vollverstärker aus dem Jahr 1976. Es war damals das mittlere von drei Modellen der Marke. Er leistet etwa 55W an 8Ohm, hat zwei schöne, blaue VU-Meter und ausreichend Anschlüsse. Ein sehr brauchbares Phonoteil ist ebenfalls an Bord.

Nun zur Fehlerbeschreibung: Der Verstärker wurde in der Vergangenheit wenig professionell mit einer Wurzelholz-Dekorfolie beklebt. Diese Folie sah nicht nur furchtbar aus, sondern löste sich an den Kanten bereits. Bei einem VU-Meter ist die Beleuchtung ausgefallen und bei dem anderen war das Licht mittlerweile auch etwas funzelig geworden. Nach Auskunft des Verkäufers bewegte sich ein VU-Meter zudem garnicht mehr und hat dies auch schon lang nicht mehr getan. Ein Kanal der Endstufe war komplett tot. Der andere Kanal funktionierte zwar, doch verzerrte er auch merklich. Als ob das nicht genug wäre, fehlten auch noch zwei Potiknöpfe für die Regelung der Anzeigeempfindlichkeit der VU-Meter und für die Lautsprecherwahl.

Erstmal ein paar Fotos vom Lieferzustand. Die schlechte Qualität ist meiner Handykamera geschuldet. Ich war zu faul und zu neugierig, um meine Digitalkamera herauszukramen.

Der Verstärker von außen beim ersten Test:

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Gut zu erkennen die Dekorfolie und die offensichtlichen Defekte. Hier der NAD von oben und unten vor der Reinigung.

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Im ersten Schritt wurde das Gerät grundgereinigt, die Potis und Schalter gesondert zuerst mit Kontakt WL behandelt und danach mit Kontakt 61 konserviert. Die Druckschalter habe ich aus Erfahrungen mit meinem Marantz 2230 komplett zerlegt und die Kontakte einzeln gereinigt. Dort hatte sich reichlich Dreck abgesetzt. Da auf dem Gerät gerade im Inneren ein zäher gelblicher Belag war, liegt nahe, dass der Verstärker eine Zeit lang mal in einem Raucherhaushalt gestanden hat. Gerochen hat er allerdings nicht. Ein kurzer Test nach der Reinigung ergab Besserung was das Kratzen der Potis und Schalter angeht. Sonst blieb alles wie gehabt.

Im zweiten Schritt ging die Fehlersuche los. Es hat sich schnell gezeigt, dass in einer Endstufe einige Transistoren und Widerstände defekt waren. Scheinbar wurden schon einmal Widerstände getauscht. Etwas verdutzt stellte sich heraus, dass die ausgetauschten Teile abweichende Werte zum Schaltplan und zum funktionierenden Kanal hatten. So wurden zuerst alle Widerstände durch Werte aus dem Schaltplan ersetzt und die defekten Transistoren getauscht. Aus Gründen der Kanalgleichheit wurden die Transistoren auf beiden Kanälen getauscht. Für die Treiber kommen BD139/140 zum Einsatz. Als Endtransistoren dienen nun MJ15003G. Danach liefen beide Kanäle der Endstufe wieder und der Abgleich begann. Schnell stellte sich heraus, dass die Trimmer für den Ruhestrom nicht mehr zu gebrauchen waren. So wurden sie durch gekapselte, neue Typen ersetzt. Danach klappte der Abgleich auf die Werte im Schaltplan problemlos. Doch ein Kanal spuckte noch immer keinen Ton aus. Der Fehler lag aber nicht mehr in der Endstufe, also musste davor etwas defekt sein. Schnell ergab sich, dass ein Transistor, der für die Regelung der Betriebsspannung des Vorverstärkers zuständig war, einen Schluss hatte. So wurden die Regeltransistoren für beide Kanäle getauscht. Danach lief der gesamte Verstärker zuerst einmal wieder. Das verbleibende Problem war eine recht hohe Gleichspannung von über 130mV an den Lautsprecherklemmen. Da die Endstufe quasikomplementär aufgebaut ist und sich so keine Einflussmöglichkeiten über Trimmer ergeben, wurden sämtliche Transistoren der Endstufe überprüft und festgestellt, dass sie sich deutlich in ihren hfe-Werten unterschieden. So wurden sämtliche Endstufentransistoren durch neue Typen ersetzt (BC550,BC560,BC557,BC128). Diese sind paarweise ausgemessen und verbaut. Nach einem Neuabgleich waren die Werte für die Gleichspannung am Ausgang im Bereich von 30-40mV, was absolut ok ist. Als Feintuning wurden dann noch die verbauten Keramikkondensatoren im Signalweg durch kleine MKS-Typen ersetzt. Zum Schluss wurden noch die Birnen für die Instrumentenbeleuchtung erneuert und zwei neue Ersatzknöpfe für die VU-Empfindlichkeit und die Lautsprecherwahl verbaut.

So sieht das Ganze nach der Reparatur aus:

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Abschließend war die Überarbeitung des Gehäuses an der Reihe. Die Folie lies sich recht leicht abziehen. Das originale Furnier war noch ok. Einige Kanten waren etwas angeschlagen und an einer Ecke gab es eine kleine Abplatzung. Zuerst wurde das Gehäuse mehrfach geschliffen. Angefangen mit 80er Schleifpapier ging es in Schritten bis hoch zu einer 240er Körnung. Feiner wurde nicht mehr geschliffen, da die Oberfläche ursprünglich auch recht rau war. Daraufhin wurde das Gehäuse komplett gereinigt und mit mehreren Schichten Antikwachs behandelt. Das Gehäuse sieht wieder sehr gut aus. Die kleinen Macken an den Kanten fallen nach der Wachsbehandlung kaum noch auf.

So steht er nun in altem Glanz im Hifiregal und spielt herrlich:

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Klanglich macht der NAD eine richtig gute Figur. Er klingt etwas kühler im Vergleich zum Marantz. Der Bass wirkt knackig und straff. Der Grundton ist vergleichsweise neutral und nicht so warm und füllig, wie beim amerikanischen Kollegen. Das Klangbild wirkt absolut unaufdringlich, aber nicht langweilig. Das Phonoteil klingt sehr gut und macht dank der unterschiedlichen Eingangsimpedanz und -kapazität sogar mit dem am Marantz etwas muffigen ELAC ESG 792e richtig Spaß.

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